Kurz gefasst
Über den energienahen Ebenen liegen weitere. Die eigene Erzeugung erlaubt dynamisches Pricing, das für den Kunden transparent bleiben muss, der Basispreis als Obergrenze, Abweichung nur nach unten. Aufenthalt, Bindung, Werbung und Direktverkauf, Flottenverträge kommen dazu, und als am stärksten unterschätzte Ebene die Daten, das neue Gold. Zusammengenommen ist der Ladepark keine Tankstelle mehr, sondern eine Plattform, auf der mehrere Parteien für unterschiedliche Nutzungen desselben Assets zahlen. Wer nur Kilowattstunden verkauft, verschwindet in der Konsolidierung.
Im ersten Teil ging es um den Strom selbst und die Infrastruktur, die ihn bewegt. Handel an der Börse, Regelleistung für das Netz, das Kappen der Lastspitze. Alles Erlösebenen, die entstehen, bevor ein einziger Kaffee über die Theke geht. Auf diesen Ebenen liegen weitere, und sie führen den Ladepark Stück für Stück weg vom reinen Energieverkauf.
Erzeugung und Aufenthalt
Kommt eine PV-Anlage aufs Dach oder auf die Überdachung, entsteht eine Erzeugungsebene. Dann wird nicht nur zugekaufter Strom weiterverkauft, sondern ein Teil selbst erzeugt, und das drückt die Kostenbasis. Zusammen mit der Arbitrage erlaubt die eigene Erzeugung dynamisches Pricing, das aber für den Kunden transparent bleiben muss. Der Basispreis sollte dabei immer die Obergrenze sein und nur nach unten abweichen. Die bekannte Coca-Cola-Episode mit dem Automaten, der bei Hitze teurer werden sollte, liefert den Grund. Ein Aufschlag auf den gekühlten Preis am heissen Tag wird kaum akzeptiert, ein Rabatt auf einen höher gesetzten Basispreis am kühlen Tag dagegen schon. Dieselbe Preisdifferenz, umgekehrt verpackt, und der Kunde reagiert völlig anders.
Die Annehmlichkeiten, Kaffee, Essen, ein sauberes WC, ein Platz zum Sitzen, bleiben eine mögliche Ebene, aber die mit den meisten Bedingungen. Sie trägt nur dort, wo die Verweildauer sie hergibt. Sie braucht je nach Standort eine Baugenehmigung oder überhaupt erst eine Konzession, und nicht überall ist sie wirtschaftlich darstellbar. Und sie stellt eine Frage, die vorher zu beantworten ist, mit Personal oder ohne. Der Automat ist die eine Antwort, aber auch hinter dem Automaten steht am Ende eine Serviceorganisation. Jemand füllt auf, wartet, reinigt, haftet. Auslagern oder selbst betreiben, jede dieser Ebenen ist eine eigene Betriebsentscheidung, keine, die man nebenbei mitnimmt.
Bindung, Werbung, Flotten
Die Abomodelle habe ich getrennt behandelt, hier nur der Kern. Sie gehören neu aufgestellt, weg von der Bestrafung des Gelegenheitskunden, hin zur Belohnung des treuen.
Bei der Kopplung mit dem Handel lässt sich weiterdenken als nur Fläche vermieten. Bündel sind möglich. Wer hier lädt, bekommt Rabatt im Laden. Oder umgekehrt, wer im Laden einkauft, bekommt einen Teil der Ladekosten direkt an der Kasse gutgeschrieben. Zwei Angebote, die sich gegenseitig Kunden zuschieben, statt nur nebeneinanderzustehen. Dazu die Werbung, denn eine Fläche mit wartenden Menschen und Bildschirmen ist ein Medium. Und es bleibt nicht bei Werbung. Über denselben Bildschirm liesse sich direkt verkaufen, ein Kaffee mit zehn Prozent Rabatt, gleich bestellt und im nahen Café abgeholt.
Und Verträge mit Flotten, die anders zahlen als der Laufkunde. Sie kaufen nicht nur Kilowattstunden, sie kaufen Verlässlichkeit, garantierte Slots, planbare Verfügbarkeit. Der schwere Verkehr lernt diese Logik zuerst, weil ein Lastwagen, der auf einen freien Ladepunkt wartet, sofort Geld kostet.
Das neue Gold
All diese Ebenen sind heute schon beschrieben oder im Aufbau. Eine wird dabei am stärksten unterschätzt, und sie ist das neue Gold, die Daten.
Ein Ladepark erzeugt Daten, die für andere wertvoll sind. Wo und wann Last entsteht, wie sie sich verhält, wie sie auf Preissignale reagiert, wie schnell sich ein Netzabschnitt füllt. Ein Netzbetreiber braucht dieses Wissen, um zu planen, wo der nächste Engpass entsteht und wann er verstärken muss. Ein Stromversorger braucht Verbrauchs- und Flexibilitätsmuster, um sein Portfolio zu steuern. Der Ladepark sieht das alles aus erster Hand, in Echtzeit, in einer Feinheit, die dem Netzbetreiber an dieser Stelle oft fehlt. Aggregiert und anonymisiert wird daraus ein verkaufbares Gut. An diesem Punkt verkauft der Betreiber nicht mehr nur Elektronen, sondern das Wissen über Elektronen.
Was daraus folgt
So gelesen ist das Multi-Layer-Revenue-Modell eine Plattformökonomie. Der Standort und der Netzanschluss sind die Plattform, und mehrere Parteien zahlen für unterschiedliche Nutzungen desselben Assets. Der Fahrer für Energie, der Netzbetreiber für Flexibilität, der Händler für die Spanne, der Werbetreibende für Aufmerksamkeit, die Flotte für Sicherheit, der Datenabnehmer für Einsicht. Die Kilowattstunde ist nur der Türöffner, so wie der Sprit an der Tankstelle. Das eigentliche Geschäft entsteht aus den Ebenen, die auf derselben Infrastruktur aufliegen.
Und dieses Geschäft wird umso wichtiger, je knapper die Marge auf der Kilowattstunde wird. Je härter der Wettbewerb um den Ladepreis, desto weniger lässt sich damit verdienen, und desto mehr Gewicht bekommen die Ebenen, die niemand so leicht kopiert. Ein Netzanschluss an der richtigen Stelle, ein Speicher, eine Flottenbindung, ein Datenstrom über das Verhalten an genau diesem Knoten, das lässt sich nicht in der Nachbarstrasse nachbauen.
Der Anbieter, der nur Kilowattstunden verkauft, steht mit tausend anderen im selben Preiskampf, und in der Konsolidierungswelle, die längst läuft, verschwindet er ziemlich sicher. Wer aus derselben Infrastruktur mehrere Erträge zieht und über den letzten Bescheid weiss, bleibt.
Quellen
Ladeinfrastruktur als Plattform und Daten als zweite Einnahmequelle jenseits der Kilowattstunde: Codibly, codibly.com; AMPECO, ampeco.com.
Dynamisches Pricing und Preisfairness (Basispreis als Obergrenze, Rabatt statt Aufschlag): Der zugrunde liegende Mechanismus ist Verlustaversion. Die Coca-Cola-Automaten-Episode von 1999 ist breit dokumentiert, war aber eine angekündigte Idee mit Gegenreaktion, kein publizierter Feldversuch. Vor Livegang eine belastbare Quelle für die konkrete Formulierung setzen.