Laden ist nicht Tanken · 13.07.2026

Warum Laden nicht wie Tanken sein soll

Kurz gefasst

Die Ladebranche hat das Laden nicht erfunden, sie hat das Tanken elektrifiziert. 2016 war das richtig, weil es etwas Neues in etwas Vertrautes übersetzte. Heute wird es zum Fehler, weil die meisten Ladevorgänge dorthin wandern, wo das Leben ohnehin ist, nach Hause, zur Arbeit, zum Supermarkt. Und dort trägt die Tankstellenlogik nicht mehr, weil der Fahrer nicht zum Laden da ist. Laden soll dem Parken folgen, nicht dem Tanken.


Ich höre und lese es ständig. Laden solle sein wie Tanken. Und ich sage: nein, soll es nicht. Die naheliegende Rückfrage lautet dann, was denn sonst. Genau darum geht es hier.

Warum wir die Tankstelle nachgebaut haben

Als die ersten Schnelllader an verkehrsgünstigen Orten auftauchten, gab es keine Vorlage dafür, was Laden sein könnte. Die meisten kannten Strom aus der Steckdose zu Hause, aber nie für die Mobilität. Und die Mobilität, die schon elektrisch war, Tram und Bahn, hatte ihren Strom immer über eine Leitung und musste ihn nie speichern.

Was alle kannten, war das Tanken. Also baute die Branche, was sie seit Jahrzehnten kannte. Ein zentraler Ort mit mehreren Anschlüssen, der Stecker sogar im Geist der Zapfpistole gestaltet, warten bis fertig, weiterfahren. Nur mit Strom statt Benzin. Das war nicht dumm, das war pragmatisch. Und für diesen Moment richtig.

Es half auch psychologisch. Das E-Auto war für die meisten schon ein grosser Schritt. Neues Fahrzeug, neue Technik, oft ein Sprung bei den Assistenzsystemen, in den frühen Tagen echte Kompromisse. Hätte auch das Laden völlig anders funktioniert als alles Vertraute, wäre das kognitive Überlastung gewesen. Die Tankstellenlogik übersetzte etwas Neues in etwas Bekanntes.

Warum die Logik heute bricht

Verständlich heisst aber nicht zukunftssicher. So wie E-Autos für die meisten Fahrer heute keine Kompromisse mehr verlangen, finden die meisten privaten Ladevorgänge bald nicht mehr am Autobahnstopp oder am dedizierten Ladehub statt. Sie verschieben sich dorthin, wo das Leben schon ist. Nach Hause, zur Arbeit, zum Supermarkt, ins Fitnessstudio.

Und dort bricht die Tankstellenlogik, weil der Fahrer nicht zum Laden da ist. Er ist da, um einzukaufen, zu arbeiten, zu schlafen. Das Tanken funktioniert, wie es funktioniert, weil Benzin nur an der Tankstelle existiert. Man muss hinfahren, es ist eine bewusste Tätigkeit. Was sich normal anfühlt, ist in Wahrheit eine Einschränkung.

Laden hat diese Einschränkung nicht. Laden kann überall und jederzeit passieren, wo man ohnehin parkt. Und seien wir ehrlich, wir nutzen unsere Autos weit häufiger zum Parken als zum Fahren. Das ist kein Nachteil, das ist der Hebel. Es geht nicht nur darum, wo man laden kann. Es geht darum, das Laden zu etwas zu machen, das man gar nicht mehr bemerkt.

Wer bringt die Menschen an den Ort

Der Unterschied lässt sich an einem einfachen Bild festmachen. An der Tankstelle bringt der Sprit die Leute, weil es ihn nur dort gibt. Der Kaffee ist zweitrangig. Man hält zum Tanken und nimmt vielleicht einen Kaffee mit. Der Stopp trägt das Geschäft, weil der Sprit den Stopp erzwingt. Braucht man keinen Sprit, holt man sich den besseren Kaffee woanders.

Beim Strom kehrt sich diese Logik um. Die Menschen kommen zum Einkaufen, zum Arbeiten, zum Essen. Das Auto lädt, während sie tun, weswegen sie da sind. Das Geschäft bringt die Leute, das Laden passiert nebenbei. Damit ist Laden keine Dienstleistung mehr, für die man einen Ort aufsucht. Es ist eine Annehmlichkeit an einem Ort, den man aus ganz anderen Gründen gewählt hat.

Das ist der Kern. Laden ist selbst die Annehmlichkeit. Es braucht keine eigenen Annehmlichkeiten drumherum, keine Lounge, keine grossen Bildschirme, kein Treueprogramm. Es soll unsichtbar sein, passiv, Teil des Ortes.

Die Ausnahme bleibt, aber sie ist die Ausnahme

Damit kein Missverständnis entsteht. Schnellladehubs an der Autobahn sind notwendig und bleiben es. Für die lange Reise, für den gewerblichen Verkehr, für den Fall, dass man wirklich anhalten muss, nur um zu laden. In diesen Situationen zählen guter Kaffee, saubere Anlagen und eine starke Marke sehr wohl. Das ist die Ausnahme, in der die Tankstellenlogik weiter trägt, und dort darf sie gut sein.

Aber für die meisten Menschen ist das die Ausnahme, nicht der Alltag. Wir nutzen das Auto weit mehr zum Parken als zum Fahren. Laden soll dem Parken folgen. Die neunzig Prozent des Alltags, in denen das Auto ohnehin irgendwo steht, das ist der Ort, an den das Laden gehört. Unsichtbar, passiv, eine Annehmlichkeit, die zu dem Ort dazugehört, den man aus ganz anderen Gründen gewählt hat.

Die neueste Ladetechnik führt genau diese Verwechslung vor. Wenn ein Hersteller ein Auto in unter zehn Minuten auf 97 Prozent lädt, mit 1500 Kilowatt, ist die Reaktion fast überall Begeisterung. Meine ist gemischt, weil wir das falsche Problem lösen, nur schneller. Es gibt Situationen, in denen 1500 Kilowatt genau richtig sind. Kein Depot, keine Wallbox, keine Alternative, lange Reise, keine Pause nötig. Für diesen Fahrer ist minimale Ladezeit ein echter Gewinn, und die Technik ist beeindruckend. Nur ist sie nicht die universelle Antwort, zu der die Schlagzeilen sie machen. Wer zu Hause eine Wallbox hat, vielleicht Solar auf dem Dach, gibt das nicht auf, um an einem Ultraschnelllader zu stehen, nicht einmal für fünf Minuten. Sein Auto lädt neben dem Leben, und er bemerkt es nicht.

Das Problem ist nicht die Technik, sondern die Erzählung darum. Was passiert, wenn Flash Charging zum Standard wird? Laden wird wieder zur aktiven Aufgabe. Der Umweg kehrt in den Alltag zurück. Man fährt gezielt zu so einer Station, steckt an, wartet, fährt weiter. Es bleibt Tankstellenlogik mit Strom. Und an einem typischen Autobahnstopp reichen neun Minuten bis 97 Prozent kaum für die Toilette, geschweige denn fürs Essen. Also lädt man zuerst, fährt den Wagen weg und macht dann Pause, wie beim Tanken. Oder man blockiert den teuren Platz, der auf Durchsatz angewiesen ist. Nach oben ist ohnehin kaum Luft, weil man schon bei 97 statt der üblichen 80 Prozent steht. Hinzu kommt, dass heute nur bestimmte Fahrzeuge das überhaupt nutzen können. Die Mehrheit lädt im Schnitt unter 100 Kilowatt von 10 auf 80 Prozent, mit Spitzen oft unter 200, 800-Volt-Systeme ausgenommen. So wie immer grössere Akkus allein die Reichweitenangst nicht lösen, löst 1500-Kilowatt-Laden allein nicht die Ladeangst.

Die Branche baut weiter für die zehn Prozent und übersieht die neunzig. Dedizierte Stationen, grosse Screens, Loungebereiche. Das ist Destination-Denken, angewendet auf etwas, das eine alltägliche Selbstverständlichkeit sein sollte. In den nordischen Märkten passiert die Verschiebung bereits. Betreiber betten das Laden dort in die Orte ein, an denen die Menschen ohnehin sind.

Was das für Betreiber heisst

Wer heute ausschliesslich in Tankstellenlogik denkt, baut für eine Minderheit der künftigen Ladevorgänge. Dieser Teil des Marktes wird bestehen bleiben, aber der Kampf darum wird hart, brutal und wird zu einer heftigen Konsolidierung führen. Entweder man hat eine Strategie, ihn zu gewinnen, oder man hat den falschen Markt.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, welchen Lader baue ich wo. Sie lautet, warum kommt mein Kunde überhaupt hierher. Versteht man zuerst seine Situation und leitet daraus die Technik ab, hat man eine Strategie. Macht man es umgekehrt, hat man als Betreiber keine Strategie, sondern eine Hoffnung.

Wer zu Hause lädt, denkt nicht ans Laden. Wer unterwegs lädt, will ankommen, nicht laden. Wer am Ziel lädt, bemerkt es im Idealfall gar nicht. Erst die Situation verstehen, dann die Hardware entscheiden.

Hört auf, für Ladeleistung zu bauen. Fangt an, für das Leben dahinter zu bauen.

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